Kurzgeschichten


Liebling, gehen wir heute shoppen?

Es war Samstag Morgen. Die Sonne schien zum Schlafzimmerfenster herein und tauchte den Raum in goldenes Licht. Kati stand frisch geduscht vor ihrem geöffneten Kleiderschrank, in dem verschiedenfarbige Kleidungsstücke hingen, und geduldig auf ihren Einsatz warteten. Kati nahm eins nach dem anderen heraus. Stellte sich damit vor ihren großen Standspiegel und betrachtete sich kritisch. Doch nichts schien ihr zu gefallen. Weder das Kleid mit dem hübschen Rosenmuster, noch der blau-weiß gestreifte Rock, mit dem rot eingefassten Saum. Und auch nicht die bestickte grüne Bluse mit dem weiten Ausschnitt, schien ihr geeignet. Mit Nachdruck schloss sie die Schranktür und fragte mit bittendem Unterton: ,,Liebling, gehen wir heute shoppen? Ich habe nichts anzuziehen.“ Nachdem sie in ihre Jeans gestiegen war und ein Sweatshirt über den Kopf gezogen hatte, drehte sie sich ihrem Mann zu, der noch im Nachtzeug, im Bett saß. Er las die Samstagszeitung, die immer besonders umfangreich war. Ihn betrachtend, fügte sie hinzu: ,,Morgen ist doch unser Hochzeitstag. Und wenn wir in das schicke Restaurant gehen, möchte ich auch dementsprechend gekleidet sein.“ Klaus hatte im Reichshof ein Candlelightdinner für sie beide bestellt. Kati freute sich sehr darauf. Als sie auf ihre Frage keine Antwort bekam, ging sie zum Bett hinüber. Warf einen Blick auf sein Nachtschränkchen, und statt ihre Frage zu wiederholen, setzte sie sich zu ihm. Drückte sanft die Zeitung herunter. Erschrocken sah er auf. ,,Oh! Schatz, hast du etwas gesagt?“ Seine braunen Augen, in denen goldene Pünktchen tanzten, sahen auf ihren Mund. Zu Beginn ihrer Beziehung, hatte sie das irritiert und verlegen gemacht. Doch inzwischen akzeptierte sie es als seine persönliche Art, die Menschen anzusehen. Sie sah ihm zärtlich in die Augen. ,,Ich habe dich gefragt, ob wir heute bummeln gehen.“ Klaus schaute sie aufmerksam an. Dann nickte er. Legte die Zeitung zusammen und antwortete: ,,Gerne. Ich springe nur schnell unter die Dusche. Mach doch schon mal Frühstück. Ich bin gleich bei dir.“ Kati beugte sich vor. Küsste seine Lippen und fuhr ihm durch das dichte Haar. Während er ins Bad ging, lief sie in die Küche um Kaffee zu machen.

Klaus und Kati hatten sich vor zehn Jahren bei einem Computerlehrgang, den sie leitete, kennengelernt. Der große dunkelhaarige Mann war ihr aufgefallen, weil er sie während des Unterrichtes sehr aufmerksam ansah. Sie fühlte sich von seinem Interesse geschmeichelt. Jedes ihrer Worte schien er aufzusaugen, und nach einigen Abenden wurde aus ihrem Blickkontakt mehr. Auf seine Frage: ,,Gehen Sie mit mir essen?“, hatte sie sofort eingewilligt. Aus einem Essen wurden tägliche Verabredungen, und nach acht Monaten beschlossen sie, zusammen zuziehen. Als er nach einem Jahr fragte: ,,Willst du mich heiraten?“, willigte sie voller Freude ein. Kati lächelte in der Erinnerung, während sie den Frühstückstisch deckte. Sie hatte es nie bereut.

Eine Stunde später saß sie neben Klaus im Auto. ,,Wir parken beim Norder Tor. Von da aus können wir zu den Geschäften laufen.“ An dem Einkaufszentrum befand sich ein großer Parkplatz, auf dem an diesem Vormittag, schon etliche Wagen standen. Sie fanden noch eine Parklücke und liefen gleich darauf, Hand in Hand, die Brückstraße hinunter. ,,Wo willst du zuerst hin?“ Kati überlegte. ,,Wir könnten die einzelnen Boutiquen abklappern, und bei Silomon finden wir eventuell auch etwas.“ Klaus blieb stehen. Drehte sich ihr fragend zu. ,,Wie bitte?“ Kati lächelte. Griff in sein Hemd und fragte dann: ,,Besser?“ Klaus lachte ebenfalls. Verdrehte die Augen und sagte: ,,Ich bin aber auch eine Schlafmütze.“ Erleichtert folgte er ihr, als sie die Tür zur ersten Boutique öffnete.

Beim Shoppen vergaß Kati alles um sich herum. Klaus nannte es ihren ,,Jagdtrieb“, denn erst einmal unterwegs, vergingen oftmals Stunden, bis sie ihre Beute nach Hause schleppen konnten. Auch heute lief sie im Geschäft von einem Kleiderständer zum nächsten, um dann mit einem enttäuschten Kopfschütteln wieder hinaus zu laufen. Klaus folgte ihr. ,,Ich habe Lust auf eine Tasse Kaffee“, bat er, nachdem sie das vierte Geschäft erfolglos verlassen hatten. Kati blieb stehen. ,,Ich auch. Lass uns zu Remmers gehen.“ Dort war es wie immer sehr voll. Klaus überlegte. ,,Lass uns doch lieber etwas essen gehen. Hunger hab ich auch.“ Sie liefen zur Pizzeria am Synagogenweg und nach einer ,,Vier Stagioni” Pizza und einem großen Glas Bier, hatte Klaus Lust auf ein Mittagsschläfchen. ,,Nichts da!“, sagte Kati. ,,Jetzt gehen wir zu Silomon. Dort finde ich bestimmt etwas.“ In dem großen Bekleidungsgeschäft gab es außer Kleidern, Röcken und Mänteln auch eine Abteilung für Unterbekleidung. Die befand sich im oberen Stockwerk. Kati überlegte. Ein aufregendes Dessous würde ihrem Hochzeitstag die gewisse Würze verleihen. Aber Klaus sollte es nicht vorher sehen. ,,Schatz, ich schaue mich mal ein bisschen um.“ Als er herzhaft gähnte, schlug sie vor: ,,Wenn du so müde bist, setzt dich doch dort auf einen Sessel. Ich brauche sicher ein Weilchen.“ Dankbar für die angebotene Pause, setzte er sich in der Damenabteilung im unteren Stockwerk in einen Sessel.

Kati brauchte zuerst ein hübsches Kleid. Am besten vorne geknöpft. Sie kicherte wie ein verliebter Teenager. Klaus sah schläfrig zu, wie sie in einem weit fallenden, bunten Kleid aus der Kabine trat. Wieder gähnte er herzhaft und setzte sich bequemer hin. Griff mit der Hand in sein Hemd, und schloss die Augen. Kati war das nur recht. Sie zog sich erneut um. Diesmal war es ein eng anliegendes rotes, vorne geknöpftes Kleid, dass ihr schönes Dekolletee und ihren wohl geformten Po betonte. Sie zog es wieder aus. Schlüpfte in ihre eigenen Sachen und trat vorsichtig aus der Kabine. Klaus hatte die Augen geschlossen. Nun konnte sie unbeobachtet, ins obere Stockwerk verschwinden.

Beim Anblick der dort hängenden Spitzenwäsche, vergaß Kati alles um sich herum. Sie durchforschte die ganze Abteilung nach den richtigen Dessous. Mit ihrem Fund ging sie in eine der Kabinen, und probierte es an. Das erste Set bestand aus einem schwarzer Spitzenbüstenhalter und dazu passender Slip. Beides erschien ihr als am besten geeignet unter dem roten Kleid. ,,Ihr Mann wird begeistert sein, wenn er sie damit sieht“, sagte die Verkäuferin, während sie Kati bewundernd ansah. Lächeln stimmte diese zu.

Klaus saß, den Kopf zur Brust geneigt, und schlief. Eine Hand war auf seinem Oberschenkel gelagert, während sein rechter Arm entspannt an der Lehne herabhing. Vorbeigehende Kunden warfen ihm verständnisvolle Blicke zu. Besonders die Männer, deren Frauen sich ebenfalls im Kaufrausch befanden, beneideten ihn. Wie gern hätten sie ebenfalls ein Nickerchen gemacht. Ein Mann blieb stehen, wurde aber sofort von seiner Liebsten weiter gezogen. ,,Starr den nicht so an. Das gehört sich nicht.“ Kati bekam von alldem nichts mit. Sie schwelgte weiterhin in den duftigen Dessous. ,,Ich glaube, ich nehme auch noch die weiße Kombination. Und das Roséfarbene finde ich ebenfalls wunderschön.“ Die Verkäuferin war begeistert. Sie trug die ausgesuchten Teile hinter Kati her und schlug immer mehr vor. ,,Schauen Sie“, sagte sie. ,,Das würde Ihnen auch stehen.“ Sie hielt einen Spitzen besetzten Morgenrock aus schwarzem Satin in der Hand. Kati nickte begeistert. ,,Ja, den nehme ich auch.“

Während Katis Begeisterung über all die hübschen Dinge wuchs, wurden immer mehr Kunden auf den schlafenden Klaus aufmerksam. Eine Frau stieß ihren Mann an und raunte: ,,Meinst du, dass der wirklich schläft? Wenn er nun einen Herzinfarkt hatte? Und keiner sich kümmert? Sollen wir nicht lieber dem Geschäftsführer Bescheid sagen?“ In dem Moment rutschte Klaus aus dem Sessel und landete mit einem sanften ,,Plumps“ auf dem Boden. Erschrocken, wichen die um ihn herumstehenden Leute, zurück. Eine Kundin flüsterte entsetzt: ,,Vielleicht ist er tot?“ Panisch blickte sie um sich. ,,Warum holt denn niemand Hilfe?“ Inzwischen hatte ein Mann den Geschäftsführer informiert. Mit ausgebreiteten Armen, und betont ruhigen Worten, bahnte er sich einen Weg durch die gaffende Menge. Er stellte sich neben Klaus, und begann auf ihn einzureden. ,,Hallo? Hören Sie mich? Was ist mit Ihnen? Sind sie krank?“ Keine Reaktion. Klaus rührte sich nicht. Unschlüssig sah der Geschäftsführer um sich. Er überlegte kurz, ob er den Liegenden schütteln sollte. Aber man konnte ja nie wissen. Vielleicht wurde der Mann dann wach und aggressiv. Vielleicht war er ja doch betrunken. Oder noch schlimmer … hatte Drogen genommen. Er beugte sich zu ihm runter. Roch ein wenig herum, aber eine eventuelle Schnapsfahne, konnte er nicht ausmachen. Zu den Umstehenden gewandt, sagte er: ,,Bitte, verhalten Sie sich ruhig. Keiner fasst den Mann an. Ich werde den Notarzt verständigen.“ Wenig später war er zurück. ,,Kann ein wenig dauern. Aber es kommt jemand. Und Sie sollten jetzt weiter Ihren Einkäufen nachgehen.“ Doch alle blieben gespannt stehen, und wollten wissen, wie es weiterging.

Inzwischen hatte Kati alles das gekauft, was sie für den Hochzeitstag brauchte, und konnte ihre Gedanken wieder anderen Dingen zuwenden. Nach einem Blick auf ihre Armbanduhr erschrak sie. Zwei Stunden hatte sie zum Anprobieren gebraucht. Sie sah sich um. Wo war eigentlich Klaus? Sollte er ohne sie nach Hause gefahren sein? Nein, das würde er nie tun, schob sie den Gedanken rasch von sich. Oder sollte er immer noch in der Damenabteilung im Sessel sitzen? Vielleicht war er eingeschlafen. Sie hoffte nicht, dass er … Manchmal, wenn er seine Ruhe haben wollte, machte er … Oh nein!

Kati schnappte die Tüten mit ihren Einkäufen und rannte voller Sorge in den ersten Stock hinunter. Dort fand sie eine Menschenmenge vor, die sich um irgendetwas scharrte. Was war da los? Mit den Ellenbogen kämpfte sie sich durch die Menge, die vor ihrem lauten. ,,Was ist hier los? Wo ist mein Mann?“, zurückwich. Draußen erklang das Signalhorn des Rettungswagens. Mit einer Trage kamen die beiden Sanitäter herein. Fragten knapp: ,,Wo ist der Verletzte?“ Kati saß inzwischen neben Klaus. Sie küsste ihn und rief: ,,Klaus, wach auf!“ Sie strich ihm übers Gesicht. Und endlich schlug er die Augen auf. Die Menschen wichen mit einem Raunen, erschrocken zurück. ,,Der ist ja gar nicht tot!“ flüsterte eine Frau. Klaus sah zu den Leuten hoch. Dann Kati an und stammelte: ,,Wo bin ich? Warum liege ich auf dem Boden?“ Vom Schlaf benommen, fuhr er sich mit den Händen übers Gesicht. Er fühlte sich wie in einem Albtraum gefangen. Fragend sah er seine Frau an. Doch Katis Besorgnis wich einem ärgerlichen Stirnrunzeln, während sie fragte: ,,Klaus, du hast doch wohl nicht …“ Sie griff unter sein Hemd, und seine Antwort erübrigte sich. Ihr strenger Ton befremdete die Menge. ,,Soll sie doch froh sein, dass ihr Mann lebt!“, sagte eine Blondine empört. Kati hörte das und sah es an der Zeit, die anderen Kunden zu informieren, bevor sie über sie herfielen. In die staunende Menge erklärte sie ruhig: ,,Mein Mann ist extrem schwerhörig. Er hatte den Verstärker seines Hörgerätes ausgeschaltet. Dann kann neben ihm etwas explodieren, das hört er nicht.“ Nachdem auch die Sanitäter auf die Frage, ob es ihm wirklich gut ging, eine positive Antwort bekamen, half sie ihrem verschlafenden Mann auf die Füße. Kati bedankte sich bei dem Geschäftsführer und den Sanitätern, und verließ, verfolgt von den verblüfften Blicken der Menge, mit Klaus das Geschäft.

Wann sind wir in Urlaub?

Gero war urlaubsreif. Die letzten Wochen in der Firma waren der reinste Stress gewesen, und seine Nerven lagen blank. Nun freute er sich auf ruhige Tage mit der Familie. Am liebsten verbrachte er ja seinen Urlaub zu Hause im Garten. Mit Grillen, einem abendlichem Bier und friedlichen Kindern, die im Sandkasten oder im Plantschbecken spielten. Doch dieser Sommer lud nicht zum Plantschen ein. Im Gegenteil. Nach einem Blick auf seine nasse Terrasse, und den vom Wind gebeutelten Bäumen, hatte er zugestimmt, für sieben Tage in einen Centerpark in die Lüneburger Heide zu fahren. Es war ganz schön viel Gepäck, für zwei Erwachsene und zwei Kinder, das Susi ihm einige Tage später neben den geöffneten Kofferraum des Sharans stellte. ,,Wir fahren doch nur eine Woche, oder wandern wir aus?“, fragte er mit einem Schmunzeln. Susi lachte. Sie war inzwischen damit beschäftigt, die Blumen unter das Vordach ihrer Terrasse zu stellen. Ihre Nachbarin wollte sich darum kümmern. ,,Wo ist Mietzi?“ Suchend sah sie sich um. Denn auch auf die Katze der Familie, wollte die Nachbarin acht geben. Gero zuckte die Schultern. ,,Keine Ahnung. Die taucht spätestens wieder auf, wenn sie Hunger hat.“ Susi schloss die Haustür ab und rutschte auf den Beifahrersitz. Hinten im Auto saßen bereits, vorschriftsmäßig in ihren Sitzen angeschnallt, der fünfjährige Okko und die 18 Monate alte Marie.

Während Gero sich anschnallte und den Sitz auf die Länge seiner Beine einstellte fragte er: ,,Alles klar?“ Susi und Okko nickten. Marie hielt ihren Stoffbären hoch und sagte strahlend: ,,Brumm, brumm.“ Zufrieden fuhr Gero los und hoffte, dass sie ohne Störungen an ihrem Ziel ankamen. Doch sie waren gerade in Georgsheil, Richtung Emden abgebogen, als Okko zum ersten Mal fragte: ,,Papa, wann sind wir in Urlaub?“ Gero antwortete nicht, denn er musste sich auf den Verkehr konzentrieren. So wiederholte sein Sohn, schon etwas drängender: ,,Papa, wann sind wir denn endlich in Urlaub?“ Gero seufzte leise, während er dachte, ob das nun die nächsten 300 Kilometer so weitergehen würde. Bevor er jedoch antworten konnte, sagte Susi mit sanfter Stimme: ,,Das dauert noch ein Weilchen, Okko-Schatz. Wir müssen erst ein ganzes Stück über die Autobahn fahren.“ Darüber schien der Kleine nachzudenken, denn er schwieg. Doch keine zehn Minuten später, fragte er wieder: ,,Wann sind wir in Urlaub?“ Gero holte tief Luft. ,,Hör mal, mein Sohn. Wir sind doch gerade erst losgefahren. Mach die Augen zu und schlaf, oder hör Musik.“ Ziemlich genervt gab er Gas und überholte in Loppersum einen Wagen, der seiner Meinung nach, viel zu langsam fuhr. ,,Liebling!“ Warnend legte Susi eine Hand auf seinen Oberschenkel. ,,Hier ist 70!“ Gero bremste ab. Er drückte Susis Hand und sagte leise: ,,Tut mir leid. Aber ich bin etwas nervös.“ Sie lächelte verständnisvoll und wandte sich mit engelhafter Geduld ihrem Sohn zu: ,,Okkolein! Hab ein bisschen Geduld. Ich hab dir gestern Benjamin Blümchens neue Abenteuer auf deinen MP3 Player gespielt. Hör dir die doch an. Dann vergeht die Zeit viel schneller. Nachher machen wir eine Pause. Und dann sind wir schon bald da.“ Okko verzog schmollend das Gesicht. Rutschte tiefer in seinen Sitz und murmelte: ,,Doofer Urlaub! Doofes Autofahren!“ Susi drehte sich ihm zu und fragte: ,,Was hast du gesagt, mein Liebling?“ Doch Okko hatte sich inzwischen die Stöpsel seines MP3 Players in die Ohren gestopft und seine Augen geschlossen. Erleichtert warf sie noch einen Blick auf ihre schlafende Tochter. Lehnte sich zufrieden in ihrem Sitz zurück und schloss ebenfalls die Augen. Auch Gero begann sich zu entspannen, als er ohne weitere Kommentare vom Rücksitz, in Emden auf die Autobahn fuhr. Er gab Gas und dachte daran, was Susi ihm über den Bungalow im Centerpark erzählt hatte. ,,Dort gibt es einen gemauerten Grill, und im Supermarkt kann man frisches Grillfleisch kaufen.“ Nun freute er sich auf ein saftiges Steak. Und die eine oder andere Flasche Bier, würde ihm sicher auch nicht verwehrt werden. In der Vorfreude lief ihm bereits das Wasser im Mund zusammen. ,,Vielleicht können wir schon heute Abend den Grill anwerfen. Was meinst du, Susi? So spät werden wir ja sicher nicht ankommen.“ Doch Susi hatte ihm nicht zugehört. Sie zog schnuppernd ihre Nase kraus und fragte: ,,Riechst du das auch?“ Gero nickte, denn es schwebte wirklich ein unangenehmer Geruch in der Luft. Erneut krauste sie ihre Stupsnase. ,,Woher kommt der? Von draußen?“ Sie roch am spaltbreit geöffneten Fenster. Nichts! Oder …“ Sie wandte sich schnuppernd nach hinten. Gero lachte. ,,Ich vermute, dass unser Sonnenschein klammheimlich ihr Geschäft gemacht hat.“ Susi wollte es genau wissen. Sie löste ihren Gurt. Beugte sich über ihren Sitz nach hinten und in Richtung ihrer Tochter. Aber die war auch nicht der Auslöser. ,,Hinten stinkt es nicht. Das kommt von vorne.“ Sie warf ihrem Mann einen prüfenden Blick zu. Der verdrehte die Augen. ,,Du solltest dich wieder anschnallen. Wenn ich bremsen muss, fliegst du durch die Scheibe.“ Sie setzte sich. Schnallte sich an und sagte ärgerlich: ,,Aber es stinkt! Ich bilde mir das doch nicht ein!“ Gero verkniff sich einen Kommentar. Sie begann an sich herumzuschnuppern. An den Ärmeln ihres Pullis. Den Strähnen ihrer blonden Haare. Kein Befund. Nun war Gero dran. Sie roch an ihm. Seinem Shirt. Empört meinte er: ,,He! Ich stinke nicht.“ Doch Susi schnupperte schon am Armaturenbrett entlang. Wieder nichts. ,,Ich spinne doch nicht.“ Inzwischen war sie sehr blass und sagte, was Gero befürchtet hatte: ,,Ich glaube, ich muss spucken!“ Gero war klar, dass er sofort handeln musste. Denn den Geruch ihres Mageninhalts, würde er nie wieder aus seinem Auto entfernen können. Glücklicherweise kam gerade das Schild: ,,Ausfahrt Jemgum.“ Gero nahm in seiner Hektik einem anderen die Vorfahrt, das ein wütendes Hupkonzert auslöste, aber er konnte die Autobahn verlassen. Er hielt etwas später an einer Parkbucht. Kaum stand der Wagen, sprang Susi hinaus und übergab sich in einen Abfalleimer. Erleichtert ließ sie sich danach ins Gras sinken. Zog ihre Schuhe aus und stellte sie neben sich. Gero war ebenfalls ausgestiegen. Fragte besorgt: ,,Besser?“ Susi nickte zögernd. ,,Die Übelkeit wohl, aber es stinkt noch immer. Der Geruch scheint mich zu verfolgen.“ Er nahm die Schuhe hoch und setzte sich neben Susi. Der Gestank wurde stärker. Gero betrachtete die Profilsohle der weißen Freizeitschuhe aufmerksam, und rief: ,,Nun weiß ich, was hier so stinkt! Schau.“ An der gesamten Sohle klebte eine braune Masse. Susi sprang auf und schrie: ,,Igitt!!! Hundekot!“ Angeekelt betrachtete sie die Schuhe. ,,Der muss bei uns in der Einfahrt gelegen haben.“ Betroffen fügte sie hinzu: ,,Und ich hab es nicht bemerkt.“ Gero stellte die Schuhe ins Gras. Sagte beruhigend: ,,Ich mache sie dir wieder sauber. Hol nur eben die Feuchttücher aus dem Auto.“ Susi hielt ihn fest. ,,Nein! Schmeiß  sie weg. Die ziehe ich bestimmt nicht wieder an.“ Gero überlegte. Allein mit Feuchttüchern, würden die Schuhe sich sicher nicht reinigen lassen. Und die Profilsohle erst recht nicht. Trotzdem. Sie hatten Geld gekostet. Zu Susi gewandt, fragte er: ,,Waren die teuer?“ Sie schüttelte den Kopf. ,,Nein, ein Schnäppchen.“ Beruhigt öffnete er den Deckel des Mülleimers und warf die Schuhe hinein. Susi trippelte bereits barfuß zum Auto. Setzte sich hinein und rief: ,,Können wir jetzt endlich weiterfahren?“ Gero nickte ergeben. Er hoffte sehr, dass jetzt Ruhe einkehrte, und sie die restliche Fahrt ohne Störungen hinter sich bringen würden. Doch er hatte sich gerade wieder ins Auto zurückgesetzt, als Okko wach wurde. Die Stöpsel aus seinen Ohren zog, und erfreut fragte: ,,Sind wir jetzt in Urlaub?“

 

Das Gewissen

Edo war von seiner Frau Ulla, zum Arzt geschickt worden. Sie machte sich Sorgen um ihn. Er wurde immer dicker, und seine Kondition immer schlechter. ,,Tja, Herr Klausen“, hatte Doktor Meier bei der Vorsorgeuntersuchung besorgt gemeint. ,,Zusammen mit Ihrem erhöhten Blutdruck und den Cholesterinwerten, kann das in Ihrem Alter gefährlich werden. Sie müssen abnehmen. Ihre Ernährung umstellen. Mehr Obst, Gemüse und weniger Fett essen. Auch zu viele Kohlenhydrate sich nicht gut für Sie. Am besten schicken wir Sie zur Kur. Dort werden Sie wieder fit gemacht.“ Doktor Meier füllte den Antrag mit der Bemerkung aus: ,,Ich mache einen Dringlichkeitsvermerk darauf. Dann geht es meistens schneller.“ Edo sagte nichts. Er unterschrieb das Formular und ging mit einem knappen: ,,Moin!“ hinaus. Er war beleidigt. Was bildete der Doktor sich ein? Dick! Bluthochdruck! Cholesterin! Er hatte einen Bauch. Na und? Gerade wegen seiner runden Gestalt, wurde er als Weihnachtsmann, von Freunden und Nachbarn engagiert. Erfreut sagten diese immer: ,,Bei dir müssen wir nie etwas ausstopfen! Ist ja alles echt.“ Nun sollte das plötzlich anders werden? Gönnte man ihm nicht einmal mehr das abendliche Bierchen, oder den Fettrand an Ullas unnachahmlichen Schweinebraten, den er so liebte? Das bisschen Bauch … Andere Männer die auf die fünfzig zugingen, hatten auch so einen Bauch. ,,Ein Mann ohne Bauch ist kein Kerl!“, sagten seine Skatkumpel immer, bevor sie mit ihrem Bier anstießen. Am liebsten hätte er seiner Frau nichts, von Doktor Meiers Worten erzählt. Aber wie er Ulla kannte, würde sie sowieso nicht lockerlassen, bevor sie alles wusste. So erzählte er ihr in abgeschwächter Form: ,,Ich soll zur Kur. Mich erholen und auch etwas abnehmen.“ Ulla atmete erleichtert auf. Schlaflose Nächte hatte sie schon vor Sorge um ihn gehabt, wenn er laut schnarchend neben ihr lag. Die Angst, dass er krank werden, und sie ihn dadurch verlieren könnte.

,,Siehst du!“, sagte sie. ,,Gut, dass du zum Arzt gegangen bist. Die Kur wird dir gut tun, und die Pfunde nur so purzeln.“ Edo blieb skeptisch. Er fand es schrecklich, von zu Hause fort zu müssen, und zweitens grauste ihm vor einer Diät. Sicher gab es dort nur Magerquark und Knäckebrot. Er schüttelte sich innerlich, aber behielt seine Meinung für sich. Ulla kaufte ihm einen Jogginganzug und Turnschuhe. Eine Wetterjacke und Wanderstiefel. Und noch etliches mehr. ,,Brauche ich das wirklich alles?“ fragte Edo während er die Tüten zum Auto schleppte. ,,Natürlich“, meinte Ulla überzeugt. ,,Vier Wochen Kur, und vielleicht bekommst du noch eine Verlängerung.“ Der Antrag wurde tatsächlich schnell bewilligt, und Edo stieg in den Zug, um in die Klinik im Bayrischen Wald zu fahren. Ulla stand am Bahnhof und rief ihm zu: ,,In vierzehn Tagen besuche ich dich. Bis dahin hast du sicher schon einige Pfunde verloren.“

Edo bezog sein Zimmer und noch am Nachmittag bekam er seinen Plan für die nächsten Wochen.

,,Sie werden sehen“, sagte die junge und schlanke Ärztin motivierend, nachdem sie seine 110 Kilo in der Kartei notiert hatte. ,,Nächste Woche steht auf der Waage schon eine andere Zahl.“ Edo nickte, aber noch glaubte er nicht an einen Erfolg. Die nächsten Tage bemühte er sich redlich. Nahm an den Sportkursen teil. Aß die zugeteilten Mahlzeiten und wanderte in seinen neuen Schuhen umher. Nachmittags ging er in die Stadt und genoss seine Freizeit. Nach der ersten Woche, stieg er auf die Waage. ,,Seltsam“, sagte die medizinische Angestellte. ,,Sie haben noch kein Gramm abgenommen. Essen Sie etwa heimlich?“ Beleidigt wies Edo die Unterstellung zurück. ,,Natürlich nicht! Ich esse immer nur das, was man mir vorsetzt.“ Schulterzuckend trug sie sein unverändertes Gewicht in die Karte ein. Auch Ulla, die ihn wie versprochen besuchte, war enttäuscht und besorgt. ,,Aber Liebling, du hast ja noch gar nicht abgenommen! Du hältst dich doch an deinen Ernährungsplan?“ Edo nickte heftig: ,,Natürlich. Ich esse nur das, was man mir vorsetzt.“ Zu seiner Entschuldigung, fügte er hinzu: ,,Aber ich habe bestimmt einen langsamen Stoffwechsel, der eine schnelle Gewichtsabnahme erschwert. Sagt auch die Ärztin.“ Er nahm seine Frau in den Arm, und sagte: ,,Nun lass uns nicht mehr darüber reden, sondern die Tage genießen. Ich bin sehr froh, dass du hier bist.“ Zu Fuß erkundeten sie die Umgebung. Tranken Kaffee in einem hübschen Ausflugslokal, wobei er heroisch auf das angebotene Stück Torte verzichtete. Auch Ulla lehnte aus Solidarität ab. Auf dem Rückweg durch den Ort zum Kurheim, wurde sie sehr still. Als Edo fragte: ,,Was ist los?“, antwortete sie: ,,Ich überlege, wie wir deinen Stoffwechsel ankurbeln können. Ich husche mal eben da drüben in die Apotheke und frage, ob es ein Mittel dafür gibt. Setzt du dich in den Park auf eine Bank. Ich bin gleich zurück.“ Edo setzte sich. Schloss die Augen und wandte sein Gesicht der Sonne zu.

Er stand vor einem großen dunklen Haus. Plötzlich öffnete sich die Haustür und eine männliche Stimme sagte: ,,Komm herein!“. Edo konnte niemanden sehen. Er zögerte, aber dann trat er ein, wie an einem unsichtbaren Band gezogen. Jetzt stand er in einer riesigen Diele, die von vielen Kerzen erhellt wurde. Erneut erklang die Stimme. ,,Komm näher. Geradeaus durch die Tür.“ Wie gebannt folgte er der Aufforderung, obwohl sein Herz plötzlich vor Angst und Aufregung heftig schlug. Zögernd ging Edo in einen Raum, an dessen Wände zahlreiche Spiegel hingen, die seine Gestalt vervielfachten. Zutiefst erschrocken, sah er auf die vielen dicken Edos. In sein Gesicht, dass Entsetzen ausdrückte. War er tatsächlich so dick? Er wollte seinen Blick davor verschließen, doch sobald er die Augen öffnete, sahen ihn seine Spiegelbilder wieder an. Als die Stimme sagte: ,,Setz dich doch. Dort vor den Kamin“, ließ er sich langsam in dem Sessel nieder. Mit ihm alle anderen Edos auch. Der Anblick war kaum zu ertragen. Am liebsten wäre er rausgerannt. Aber die gespenstische Atmosphäre hielt ihn gefangen. All seinen Mut zusammennehmend, flüsterte er in der Hoffnung, dass die Stimme ihm antwortete: ,,Wer bist du? Wie komme ich hierher? Und was soll ich hier?“ Ein heiseres Lachen erklang. Es kam ihm bekannt vor. Dann sagte die Stimme: ,,Wer ich bin? Ich bin dein Gewissen.“ Edo richtete sich schwerfällig auf. Sah um sich und rief: ,,Mein Gewissen? Aber wie kann das sein?“ Alle anderen Edos taten es ihm nach und so setzte er sich lieber wieder hin. Schweiß rann ihm über das Gesicht. Sein Atem ging schwer, als er flüsterte: ,,Und … was willst du von mir?“ Plötzlich löste sich ein Edo aus einem der Spiegel und ließ sich leise keuchend in den Sessel ihm gegenüber fallen. Sagte, wobei er sich aufreizend langsam über seinen dicken Bauch strich. ,,Ich will, dass du dich stellst.“ Edos Stimme drückte Panik aus, als er hervorstieß: ,,Stellen? Wem oder was und warum?“ Er hatte doch nichts verbrochen. Sein Gewissen war rein. Oder? Aber als sein Gegenüber nun heftig auf seinem dicken Bauch herumtrommelte, kam Edo ein Verdacht. Sollte er auf seine kleinen Geheimnisse anspielen? So schien es zu sein, denn er fuhr fort: ,,Ich sage nur: Currywurst am Freitagabend. Schweinehaxen mit Sauerkraut am Samstag. Das große Zigeunerschnitzel mit fettigen Pommes am Montag. Dann Dienstag die drei Stücke Sahnetorte. Und die abendlichen Bierchen, muss ich wohl nicht extra erwähnen.“ Edo schrumpfte in seinem Sessel vor Scham zusammen. Versuchte sich zu verteidigen, indem er begann: ,,Aber mein langsamer Stoffwechsel, der ist …“ Sein Gewissen fiel ihm ins Wort. ,,Stoffwechsel! Das ich nicht lache. Du hast deine Frau, die dich von Herzen liebt, und nachts vor Sorge um dich nicht schlafen kann, belogen. Stoffwechsel! Wenn du dich an deine Diät gehalten hättest, wären deine Pfunde schon längst geschmolzen.“ Dazu konnte Edo nichts mehr sagen. Er seufzte tief auf und mit ihm alle Spiegelbilder. Als das Seufzen verklungen war, fragte er leise: ,,Und was soll ich jetzt tun?“ Der andere Edo beugte sich vor und antwortete ebenso leise: ,,Ganz einfach. Halte dich endlich an deinen Ernährungsplan und an das Fitnessprogramm.“ Edo überlegte, während alle anderen Edos vor Spannung die Luft anhielten. Als er nach einer Weile sagte: ,,Du hast recht“, und dabei erleichtert die Luft ausstieß, taten alle anderen es ihm nach. Edo verließ mit dem heroischen Gedanken, in Zukunft auf Schweinehaxen, Zigeunerschnitzel und Sahnetorte zu verzichten, das unheimliche Haus.

Als ihn jemand am Arm berührte und sagte: ,,Hallo, Schlafmütze“, schreckte Edo auf. Sah seine Frau verwirrt an, und sagte: ,, Geschlafen? Dann hab ich alles nur geträumt?“ Als sie lächelnd sagte: ,,Ich weiß ja nicht, was du geträumt hast, aber als ich aus der Apotheke kam, schliefst du. Ich war ja auch lange weg und in der Sonne …“ Sie setzte sich neben ihn und erzählte eifrig: ,,Aber jetzt habe ich das richtige Mittel, das dir beim Abnehmen helfen wird.“ Edo schüttelte den Kopf. Umarmte sie heftig und rief erleichtert: ,,Das brauche ich nicht mehr!“ Als sie ihn zweifelnd ansah, fügte er kleinlaut hinzu: ,,Aber ich muss dir etwas beichten.“